Kaiser Karl und die Fitness

Da trauten wir heute Früh doch unseren Augen nicht. Nach der kaiserlichen Devise „Schlaflos durch Minda“ machten wir uns in den frühen Morgenstunden auf und spazierten von unserer Herberge am Markt durch unsere schöne Stadt.

Zwischen zwei hölzernen Buden auf der Festmeile, die landläufig Weihnachtsmarkt genannt wird, entdeckten wir unseren Schreiber Jean Jacques, der gerade zwei Tannen stemmte. Wir hatten uns schon gewundert, warum wir nicht das vertraute Schnarchen aus JJ’s Schlafraum vernahmen, als wir die Herberge verließen.

Ein wenig überrascht fragten wir unseren Tagebuchschreiberling, was er dort denn gerade veranstalte. Er mache sich fit für das fitte Minda, bekamen wir eine Antwort, die ein bisschen atemlos klang. Und bevor er kräftig schlemme von all dem, was ihm in unserer Herberge zum Morgenmahl geboten werde, wolle er erst einmal ein paar Baumstämme stemmen.

Da sich uns nicht ganz der Sinn seiner Worte hinsichtlich des „fitten Mindas“ erschloss, fragten wir, wegen des Regens in unseren kaiserlichen Mantel bis zu unserer Nasenspitze eingehüllt, was es damit auf sich habe. Mehr gelangweilt wegen unseres scheinbaren Nichtwissens antwortete Jean Jacques, dass er im heimischen gedruckten Herold gelesen und von verschiedenen Untertanen vernommen habe, dass gleich mehrere sogenannte Fitnessstudios in unserem Minda darum buhlen würden, ein ebensolches Studio mitten in der Innenstadt zu eröffnen. Und weil er nur fit in ein solches Fitnessstudio gehen werde, stemme er schon einmal ein paar Tannenbäume, die gerade so auf dem Weihnachtsmarkt herumstünden.

Offensichtlich sah unser Schreiber die Fragezeichen in unserem Kopf rotieren, sodass er unserer Frage zuvorkam. Auch er wundere sich, dass in Minda in den Straßen und Gassen nicht Händler ansiedelten. Denn schließlich finde das Marktgeschehen ja seit Jahrhunderten im Zentrum einer solchen Besiedelung statt. Dass stattdessen nun solche Studios für die Stärkung der körperlichen Kräfte sich hier niederließen, sei schon ein wenig verwunderlich.

Wir konnten Jean Jacques nur beipflichten. Seit mehr als 1200 Jahren reisen wir durch unser und andere Reiche, immer waren die dicht besiedelten Zentren der Städte vom Handel bestimmt. Seltsame Zeiten, dass nun schwitzende Menschen nach dem Stemmen von Bäumen oder anderen Dingen in diesen Krafträumen den Duft des Handelszentrums bestimmen sollen und nicht die Düfte von Gewürzen, Gebäck und anderen Köstlichkeiten.

Aber in unserem Alter muss man ja nicht alles verstehen.

Carolus Magnus – Karl der Große
am zweiundzwanzigsten Tage im Dezember des Jahres 2016

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